Faust für Mephisto

Bibiana Beglau hat gestern den nationalen Theaterpreis Faust erhalten – für Ihre Rolle als Mephisto in Martin Kušejs „Faust“-Inszenierung aus 2014 im Residenztheater München.

Aus meiner Kritik für die Frankfurter Rundschau:

„Und in ihm wütet kein dumpfbackiger, sondern ein vielgestaltiger Post-Mephisto: Bibiana Beglau ist hier auf dem Zenit ihres Könnens. Ob im schwarzen Hosenanzug, auf High Heels, ob im Tank Top oder entblößt: Sie gibt dem Weiblichen und dem Männlichen auf herb-funkelnde Weise gleichermaßen Raum, zeigt das Böse als geschlechtsunabhängiges Wesen. Ihr Mephisto ist zynisch, zweifelnd, leidend und mitfühlend zugleich, ein Waisenkind der Zeitläufte. Sie singt sehr leise „Jealous Guy“ von Roxy Music: „I didn’t mean to hurt you“. Nie will man den Blick von ihr abwenden.“

http://www.fr-online.de/kultur/faust-muenchen-residenztheater-endzeitspiel,1472786,27369420.html

In ihrer Dankesrede heißt es u.a.:

„Jetzt ist die Zeit anders, jetzt müssen wir in die Zukunft blicken: Mit den flüchtenden Menschen weltweit ergibt sich ein Raum, der wieder Utopien, Ideen, Fehler, Zweifel, Versagen, Teilen, Mut und Handeln verlangt. Zukunft ist nicht die Sicherheit des immer Gewesenen. Wir können die Zukunft durch Sicherheitsdenken und –handeln abtöten. Oder wir wachen auf aus unserem bequemen Schlaf der verkorksten deutschen Geschichte und stellen uns zur Verfügung mit dem, was wir grausam gelernt haben und mit dem, was wir nicht wissen und nicht wissen können. Die Festung „Goethe und Schiller“, Fetisch kultureller Identifikation und ewiges Kulturgut, ist kein Rückzugsort mehr. Wir können wieder Avantgarde sein, indem wir gemeinsam Neues entdecken, ein neues, gemeinsames Abenteuer begehen, uns aussetzen und vorstoßen, nicht im eigenen Vorteil, sondern im Sinn des Risikos, auch das Nicht-Richtige zu tun, auch indem Risiko, dass die schöne Kunst eine hässliche ist, auch mit dem Risiko, dem Nicht-Wissen und dem Chaos zu begegnen.Wir müssen unsere Kunst teilen, denn es gibt Mangel auch an geistiger Nahrung bei den Menschen, die ihre Kultur schmerzhaft vermissen müssen, sie aufgeben mussten auf ihrem Weg durch Krieg, Repressalien und Flucht. […] Theaterkultur teilen heißt aber auch ganz konkret, dass diese Menschen in unsere Zuschauerräume gehören. Da sollen sie sitzen, als Gleiche unter Gleichen. “

Pressemitteilung des Residenztheaters vom 15.11.2015